Das ganz ganz große Glück


Wenn ich mich gerade in der Welt umschaue, habe ich den Eindruck, dass wir immer mehr zu einem riesigen Kindergarten degenerieren. Wir jammern und meckern und maulen rum, weil Mami (Chefin) oder Papi (Freund) uns nicht geben, was wir wollen. Wir regen uns über Banalitäten auf, die unser echtes Leben kaum oder gar nicht berühren, wie Promi-Scheidungen oder den rauchenden Nachbarn auf dem Balkon.

Und da, wo es wirklich ernst wird, bei Korruption, Radikalisierung, der Verschleierung der Staatsfinanzen, der Zerstörung der Natur – da schauen wir weg. Denn es ist kompliziert, wir verstehen das nicht, und Mami oder Papi wird’s schon richten.

Irgendwie ist uns die Notwendigkeit des Erwachsenwerdens abhanden gekommen. Tja, würden da meine Eltern sagen, ihr habt ja auch keinen Krieg erlebt. Wenn man fast gestorben ist, dann muss das fast dazu führen, dass man hinterher erwachsen ist.

Und wie es aussieht, finden eine Menge Leute, dass so ein neuer Krieg eine ziemlich gute Idee wäre. Außerdem ist es gut für die Wirtschaft, und wir sind eh zu viele, blablabla…

Aber das ist totaler Quatsch. Initiationsriten vom Kind- zum Erwachsenensein gab es schon immer. Man braucht dazu wirklich keinen Krieg. Nur: was ist die Alternative?

Ich habe von meinen Kriegs-Kinder-Eltern gelernt, dass man nicht weint, weil der Teddy weg ist, weil nur eine Bombe aufs eigene Haus echten Kummer rechtfertigt. Alles andere ist Hysterie.

Auch das ist totaler Quatsch.

Man kann in einer heilen Welt leben und trotzdem zutiefst bestürzt sein über den Verlust einen Kuscheltiers. Im Rahmen der eigenen Erlebniswelt ist das eine extreme Erfahrung. Und ehrlich gesagt bin ich ziemlich froh, wenn mein Kind keine anderen Sorgen hat. Kein Grund, mich darüber lustig zu machen.

Genau so ist es mit der Todesangst, die uns erwachsen macht, wenn wir ihr begegnen und sie überwinden.

Sie ist für jeden einzelnen von uns eine zutiefst subjektive Angelegenheit. Manche glauben, sie müssten sterben, wenn sie vor einer großen Gruppe sprechen. Andere machen das mit links, brechen aber in Angstschweiß aus, wenn man ihnen vorschlägt, der Freundin zu sagen, man sei jetzt bereit für Kinder.

Wieder andere leiden täglich unter Schmerzen, seelischen, oder Bauchschmerzen. Aber die Vorstellung, zum Arzt oder Therapeuten zu gehen und dann womöglich erstmal viel größere Schmerzen zu haben, lässt sie wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht erstarren.

Oder der Moment, wo eine Schwangere im Kreissaal landet und feststellt, dass sie da jetzt durch muss, und sich fragt, wie zum Teufel das eigentlich gehen soll ohne schreckliche Schmerzen, und erstmal alle Umstehenden wüst beschimpft.

Denn wir alle hassen das.

Wir hassen es, unsere Ängste überwinden zu müssen. Wenn es irgendwie geht, lassen wir es lieber bleiben. Wir fahren die Beziehung in den Sand, gehen nicht zum Arzt und bleiben lieber noch eine Weile im total drögen Job hängen.

Stattdessen gehen wir auf die Straße und schimpfen, wählen große starke Mami- und Papi-Politiker und stecken Flüchtlingsheime in Brand. Alles, um zu vermeiden, in unserem eigenen Leben unserer eigenen persönlichen Angst zu begegnen: vor Versagen, vor Verlust, vor dem Verlassenwerden.

Das Problem ist nur: Den richtig großen Preis kriegen wir so nicht. Wir fühlen uns nie sicher und wohl in unserer Haut, wir werden nie Eltern, wir machen nie die Arbeit, die uns glücklich macht, und wir werden sie nie haben, die total erfüllende Hammer-Liebesbeziehung bis ins Grab.

Wenn wir unserer größten Angst nicht begegnen, wird unser Leben immer fremdbestimmt sein. Wir werden um sie herum leben und das auch von unserer Umwelt einfordern: Nimm Rücksicht auf meine Angst. Tu dies nicht, denn das macht mir Angst. Ruf mich an, sonst hab ich Angst. Red nicht drüber, das macht mir Angst.

Das Ergebnis ist ein lahmes Kompromissleben, und egal, wie schön wir uns das reden: Tief im Inneren wissen wir ganz genau, dass es so ist.

Dagegen hilft nur, den eigenen Ängsten zu begegnen. Am besten täglich. Aber auf jeden Fall immer dann, wenn sie sich zeigen. Gut, man kann sich vorher ein paar Tage Gemecker und Wut gönnen, weil es schon wieder so weit ist. Aber dann ist es dran.

Und wenn man dann erwachsen geworden ist, dann versteht man auch, dass alles Schöne, was man sich wünscht, einen Preis hat. Egal was man sich wünscht, es kostet. Und diesen Preis musst du selbst zahlen. Mami und Papi sind nicht mehr zuständig.

Du willst Kinder? Sei bereit, deine Zeit, dein Geld, deine Kraft für die nächsten hundert Jahre jemand anderem als dir selbst zu schenken. Du willst die ganz ganz große Liebe? Gib die Alleinherrschaft und die Kontrolle über dein Leben auf und hör auf, recht haben zu wollen. Du willst richtig großen Erfolg? Das kostet: Zeit, Selbstbestimmung und die gemütlichen Vormittagsfrühstücke im Café um die Ecke. Du willst dich sicher fühlen, wissen, wer du bist, dich selbst mögen? Dann gib auf, dazugehören zu wollen und so zu sein wie alle anderen, und allen anderen alles nachzumachen.

Kinder lernen, dass sie alles, was sie wollen, zu ihrem bisherigen Leben dazubekommen. Den Preis zahlen die Eltern, und das bekommen sie oft gar nicht mit. Erwachsene wissen, dass sie für alles, was sie haben wollen, etwas geben müssen.

Das ist keine Frage des Alters, sondern der Einstellung. Aber dafür gibt’s auch eine Belohnung. Nämlich das ganz große, selbstbestimmte, wunderbare (und ja, immer wieder echt anstrengende) eigene Leben.