Experiment: Weg mit der rosaroten Brille


Ich glaube heute würde meine Schwester lauthals lachen.
Sie hat mir immer wieder gesagt, ich würde unsere Familiengeschichte zu positiv sehen, und konnte mir auch immer wieder das Gegenteil beweisen.

Und lange dachte ich, tja, ich seh die Dinge halt optimistischer.

Heute denke ich: von wegen! Knietief in Verleugnung.
Gleich nochmal auf englisch, weil es so schön klingt: knee-deep in denial.

Aber sowas von.

Meine Art, mit Schmerz umzugehen, ist zu tun, als wär er nicht da. Oder als würde alles wieder gut, lange nachdem es zu spät ist. Deshalb mag ich auch den Witz so gern, wo ein Mann zum Tierarzt geht, dem ein tiefgefrorenes Hähnchen zeigt und fragt „kann man da noch was machen“?

Klassische Verleugnungsstrategie.

Andere Worte für „denial“: Verweigerung. Leugnung, Ablehnung. Verneinung, Bestreitung, Dementierung. Dementi. Abweisung. Absage.

Der Kern bei mir ist so ein klassisches Missverstandenfühlen.
So oft möchte ich sagen, nein, so bin ich gar nicht, oder nein, so habe ich das nicht gemeint.

Und die Ablehnung, die daraus resultieren kann, meine ich dann, nicht verdient zu haben, weil, so war es doch gar nicht gemeint, bzw. so bin ich doch gar nicht. Der Wunsch, aus der Box wieder rauszuspringen. Die Sehnsucht, gesehen und verstanden zu werden.

Aber das ist okay.
Es ist okay, dass ich das habe, und es ist okay, nicht verstanden zu werden. Wir alle haben so unterschiedliche Perspektiven, wir kommunizieren auf so verschiedenen Ebenen miteinander, da ist es total logisch, dass wir einander nicht verstehen. Ich verstehe ja auch nicht jeden. Und in der Tiefe verstehe ich eigentlich niemanden, weil, wer weiß schon, was in anderen vorgeht.

Was ich aber sehen kann, und mir ein Bild machen, ist die WAHL, die jemand trifft, in jedem Moment. Diese Wahl hat nichts mit mir zu tun, oder selbst wenn, bin ich dafür nicht verantwortlich. Geschweige denn schuld. Ich kann das nur anschauen und mir überlegen, wie ich damit umgehe. Ich muss sie mir nicht schönreden oder erklären, oder etwas Doofes, was jemand tut, in Mitgefühl für diesen Menschen ertränken (auch eine Art des Schönredens).

Denn: It’s not personal.

Ich muss nichts abstreiten, verweigern oder schönreden. Ich kann hinschauen und feststellen, ja, das ist die Wahl, die jemand gerade getroffen hat, und das macht es mit mir. So ist es gerade. So fühle ich mich, und das ist okay. Ich muss weder brav sein, noch tapfer, noch besonders stark oder schnell. Oder cool mit allem umgehen, was mir das Leben so beschert. Es ist okay, was immer es mit mir macht. Es ist okay. Ich kann es ruhig zulassen, dass es mich berührt, oder stresst, oder ängstigt, oder wütend macht. Ich bin keine Heilige.

Aber ich habe versucht, es zu sein, und das war Mist. Ich weiß nichts besser, und ich bin auch nicht besonders heiter und gelassen. Ich bin ein stinknormaler Mensch, ich schlag mich so durch, ich geb mein Bestes, so gut es in dem Moment eben geht, und ich mache jede Menge Fehler und trete anderen unabsichtlich auf die Füße. Ich bin unhöflich, ungeduldig, besserwisserisch und bossy. Ich bin empfindlich und manchmal geradezu autistisch ruhe- und ordnungsbedürftig (deshalb lache ich auch nur ganz leise über „Monk“ – eigentlich verstehe ich ihn total gut).

Oft bin ich gedankenlos und nerve meine Mitmenschen mit meinen Ideen und Erkenntnissen, ohne vorher zu fragen, ob es sie interessiert oder sie gerade Kapazitäten dafür frei haben. Ganz oft bin ich peinlich. Schrecklich. Aber es geht einfach nicht weg.

Und ich bin bedürftig ohne Ende. Manchmal wie ein Fass ohne Boden. Ich würde sofort die Zeit zurückdrehen und mich nochmal als Kleinkind auf den Arm nehmen lassen, so lange, bis ich satt bin. Kann sich nur um ein paar Jahre handeln.

Und wenn ich schon dabei bin: laut heulen muss ich auch noch nachholen. So richtig aus vollem Halse, so, wie es nur Kinder können, bevor der Kindergarten kommt und sie anfangen müssen, Rücksicht zu nehmen auf andere. So richtig dolle, verzweifelt, haltlos und mit Inbrunst.

Das wär toll.

Vielleicht wär dann meine Haltung etwas weniger aufrecht und rigide, und mein Kopf würde weniger schnell in Urteile oder Panik ausbrechen. Vielleicht wäre ich weniger am Limit und könnte besser lachen, über mich, über die Welt, über all die Anstrengung.

Nachdem ich das jetzt weiß, kann ich mich aber auch im Schwimmbad austoben gehen und vom Wasser umarmen lassen. Und Brüllen geht auch unter Wasser gut.

Jedenfalls: es ist okay.
Und alles ist gut.