Unfehlbar
Neulich hat mich wieder so eine politische Meinungsäußerung ereilt, bei der mir ganz kraus im Kopf und wirr im Magen wird. Ich hab das Gespräch zwar direkt beendet, aber mehr als „ich kann sonst nicht schlafen“ ist mir auch nicht eingefallen. Stimmt auch. Ich versuche gern die Probleme der Welt im Schlaf zu lösen, nur dass ich dann eben nicht mehr schlafen kann. Deshalb sind die Probleme auch noch alle da.
Aber zum ersten Mal ist mir aufgefallen, was für eine absolut unlogische sprunghafte und verstrickte Argumentation in dieser Meinungsäußerung gesteckt hat. Dinge die passiert sind, frei Schnauze mit anderen Dingen die passiert sind zusammengefügt und eine direkte Ursache-Wirkung-Logik hergestellt, die (wie ich am nächsten Tag beim Recherchieren gemerkt habe) sowas von total an der Realität vorbei geht, dass es schon fast lustig ist.
Das ist ja an sich nichts Schlimmes. Ich mag Märchen und romantische Komödien und Krimis auch sehr gern. Aber die Überzeugung, es sei die einzige Wahrheit, und wer das nicht sehen könne, der sei dumm oder minderbemittelt – die mag ich nicht. Auch weil ich mich nicht gern dumm und minderbemittelt fühle, aber vor allem: wir wissen doch alle, dass es mehrere Wahrheiten gibt. Jeder der schon mal zusammen bei einem Paartherapeuten war, hat das am eigenen Leib erlebt.
Mich interessiert allerdings warum es so wichtig ist.
Und dabei ist mir aufgefallen, wann ich genau dasselbe tue. Wenn ich in der Küche stehe und sehe, dass die Klappe vom Tretmülleimer ausgehakt ist, nicht mehr schließt, es müffelt und irgendwer (ich) in den Eimer greifen und sie wieder anhängen muss.
Danach suche ich den Schuldigen.
Denn natürlich war ich das nicht. Ich bin ja unfehlbar. Na hör mal, in meiner eigenen Küche! Ich hab mir die ganzen Systeme ja ausgedacht, ich kann sie bedienen und ich weiß auch, was ich mir dabei gedacht habe. Im Gegensatz zum Rest der Familie nehme ich sie also ernst.
Also, wer immer das war, kriegt eins auf den Deckel (Wortspiel beabsichtigt). Ich hab auch schon gefühlt unheimlich vielen Leuten unheimlich oft den Mülleimer gezeigt und erklärt, dass man da mit Gefühl rangehen muss. Das klingt jetzt irgendwie besessen (selbst für meine Ohren), aber in dem Moment fühlt sich das zwingend logisch an.
Heute morgen allerdings war die Klappe auf einmal auch ausgehakt. Und weit und breit niemand anders da oder wach als ich. Das hat mich ehrlich überrascht. Ich musste einen Moment lang innehalten und mich wundern, weil ich mir einfach SO SICHER war, dass ich der bessere Mensch und Mülleimerbenutzer bin als alle anderen.
Bin ich aber gar nicht.
Irgendwie auch süß und rührend. Ist ja total klar. Und auch nicht weiter schlimm, wenn ich nicht vorher mein ganzes Umfeld so genervt hätte mit meinen Schuldzuweisungen und Belehrungen.
Danke lieber Mülleimer. Wieder einmal hat mir jemand (ich könnte ihn „Tonni“ nennen) gezeigt, was ich gerade hören musste. Ich möchte es schön haben. Ich möchte gut dastehen. Ich habe da viel Zeit und Denkarbeit investiert und mir ein System zurechtgebaut, an das ich glaube. Und ich möchte, dass der Rest der Welt das respektiert, versteht und anerkennt.
Was anderes ist ja auch die politische Belehrung meines Bekannten nicht.
Er möchte es schön haben. Er möchte gut dastehen. Er hat viel Zeit und Denkarbeit investiert, und sich ein System zurechtgebaut, an das er glaubt. Und er möchte, dass der Rest der Welt das respektiert, versteht und anerkennt.
Auch das ist irgendwie süß und rührend.
Aber ich muss mich weder belehren noch beleidigen lassen. Ich kann es mir anhören so lang wie ich Lust hab und ihn dann in den Arm nehmen und sagen: für mich stehst du gut da, auch ohne das alles. Aber wenn es dir hilft, viel Erfolg damit. Ich mag dich wie du bist, auch wenn du manchmal echt eine Meise hast. Aber weil ich die auch habe, und wir alle nur Menschen sind, ist das für mich total ok.