Blog

Gelassen führen in schwierigen Zeiten

Eins ist mir nach Jahren der Arbeit mit Menschen aufgefallen: Jeder muss führen können. Egal ob es Eltern sind, Lehrer oder Erzieher, Chefs, Teamleiter, egal ob im Business oder im Privatleben.

Die häufigste Frage, die mir Menschen in Veränderungsprozessen stellen, ist, „wie kann ich entspannt bleiben und trotzdem führen“? Das heißt, ohne laut zu werden, und ohne hinterher zu bereuen, was man gesagt hat.

Aus meiner Sicht gibt es da einen 3-Schritte-Plan.

1. Mach dir bewusst, wo du in deinen Prozess bist. Und erkenne, wo die anderen in ihrem Prozess sind.

2. Gib Ziele vor. Gib die Verantwortung für die Ziele an die anderen (die Zuständigen) ab.

3. Werde zum „Problemlöser“. Sei der „Wolf“. Der „Tatortreiniger“. Beseitige Hürden und Probleme. Und dann, wenn alles entspannt und gut läuft, halt dich raus (und halt die Klappe).

Prozesse sind ganz einfach: Man ist entweder kurz davor, mitten drin oder fast durch. Zwischen dem letzten Prozess und dem nächsten Prozess hat man sie meist vergessen. Man lebt einfach.

„Kurz davor“ erkennt man an Unzufriedenheit, Langeweile und Nörgelei. Alles scheint sich zu wiederholen. Du drehst dich im Kreis oder trittst auf der Stelle. Dein Leben ist müde und voll von Ablenkungen, die irgendwie alle nicht richtig satt machen.

Jetzt ist es Zeit für den Sprung. Es ist Zeit, sich was zu trauen, dem Funken zu folgen, die Komfortzone zu verlassen, einfach mal loszulegen.

Weil das mit Angst verbunden ist, versuchst du, das so lange wie möglich hinauszuzögern. So lange bis alles bröckelt. Beziehung, Job, Kontostand, Gesundheit, Freundschaften.

Jetzt brauchst du Grenzen, Druck, einen Tritt, Ermutigung, einen Schubs. Meist von dir selbst. Meist, indem du einfach aufstehst und anfängst. Warte nicht auf „Lust, zu tun“. Die gibt es jetzt noch nicht.

„Mitten drin“ im Prozess ist der Vollwaschgang bei 90 Grad. Verwirrend, ständig anders, emotional, verunsichernd, verletzlich machend, unangenehm. Es gibt kein Gestern und kein erkennbares Morgen. Null Orientierung. Und einen Haufen merkwürdiger Zufälle und Begegnungen, die alle vorher nicht da waren. Ist es der allererste Veränderungsprozess, dann ist es auch der schlimmste. Alle folgenden werden schwächer und sind in ihrer Intensität und Verwirrung irgendwie vertraut.

Jetzt brauchst du einen Fels in der Brandung. Jemanden an deiner Seite, der die Ungewissheit aushält, der von dir keine Antworten verlangt, sondern der dich anfeuert, dir beisteht und an dich glaubt.

„Fast durch“: Das ist ein letzter Hänger, oder eine letzte Herausforderung. Man ist erschöpft und hat keine Lust mehr. Du spürst, dass du noch nicht da bist, aber kurz vor dem Ziel verlässt dich der Mut noch mal. Die letzten 5% sind die schwersten, aber das scheint nur so, weil der Widerstand am größten ist. Am schwersten war es nämlich in Wahrheit vor langer Zeit, ganz am Anfang des Prozesses.

Jetzt braucht man offene Arme und Ermutigung.

„Hinterher“ gibt es erst einen Moment lang Euphorie, Erleichterung und Freude. Dicht gefolgt von Einsamkeit. Das ist ganz normal, denn erstmal steht man allein auf neuem Terrain, und einen Moment lang denkt man, man hätte alles verloren und einen Fehler gemacht. Aber nach sehr kurzer Zeit kommen die Neuen in dein Leben, und viele der früheren Menschen wieder zurück.

Jetzt braucht man Bestätigung, Freude und eine Feier.

Wenn du also entspannt führen willst, dann musst du den Prozess des anderen erkennen und respektieren. Wo stehen deine Mitarbeiter? Deine Kinder, dein Partner? Wo stehen deine Wähler, die Firma, der Verein oder das Land?

Gib ihnen, was sie brauchen. Finde das richtige Maß aus Schonung, Applaus, Stabilität oder einen kräftigen Tritt in den Hintern.

Conscious Communication

Conscious communication ist – direkt übersetzt – bewusste Kommunikation. Aber das ist noch nicht alles. Wie immer geht in der Übersetzung etwas verloren, und manche Begriffe haben einen schlechten Ruf. Conscious bedeutet auch „mit Gewissen (consciousness)“. Es bedeutet auch, „wach“ zu kommunizieren.

Das wiederum heißt, sich der Konsequenzen der Kommunikation bewusst zu sein, und diese mit dem eigenen Gewissen vereinbaren zu können. Habe ich die Wahrheit gesagt (oder geschrieben)? Ist es mit dem vereinbar, wofür ich stehe? Wer ich sein will? Hilft es mir, an mein Ziel zu kommen? Ohne dabei anderen zu schaden? Das ist nicht gleichbedeutend mit „ohne andere vor den Kopf zu stoßen“. Das ist bei bewusster Kommunikation nicht nur möglich, es ist sogar wahrscheinlich.

Aber in Kauf zu nehmen, dass andere nicht meiner Meinung sind, oder über mich urteilen, ist nicht dasselbe wie anderen bewusst zu schaden, oder den Schaden bewusst in Kauf zu nehmen.

Virgina Woolf hat geschrieben, „If you do not tell the truth about yourself, you cannot tell it about other people“. Bewusste Kommunikation sagt die Wahrheit, oder zumindest drückt es aus, was man selbst als Wahrheit empfindet. Das erfordert Mut, aber nur so trifft man auf Gleichgesinnte. Wer dich nicht sehen kann (weil du dich nicht zeigst), der kann dich auch nicht um deiner selbst Willen mögen (oder dein Produkt, oder deine Dienstleistung).

Wenn du sagst, was du denkst, und tust, was du sagst, dann verpflichtest du dich dir selbst. Das macht glaubwürdig, und das spüren auch die anderen.

Du willst, das man dir glaubt? Glaub dir selbst. Du willst, dass man dir vertraut? Vertraue dir selbst. Wenn dein Vorhaben und deine Vision wahrhaftig sind, und du weißt, was für ein Mensch du sein willst, dann hat das zwei Vorteile:

1. Du wirst auch deinem Erfolg glauben, er wird sich gut anfühlen, und du wirst mehr und mehr das tun, was du wirklich willst, und du wirst immer mehr Menschen treffen, die so ticken wie du.

2. Du kannst du keinen Schaden anrichten. Es ist einfach unmöglich.

Aber dafür musst du auch bereit sein, folgendes zu tun (um mit Oprah zu sprechen): „You GOT to tell the truth. You GOT to tell the truth. You GOT to tell the truth.“

Mein Kunde und ich – eine kleine Beziehungs-geschichte

Jaja, das waren noch Zeiten, damals nach dem Krieg, oder dem Mauerfall, als es nichts gab und der Markt für diejenigen, die etwas verkaufen wollten, so einfach war wie das kleine Einmaleins.

Die Mechanik kennen wir aus der Steinzeit: Suche das Mammut, finde das Mammut, erlege es und schleife es nach Hause. Mit anderen Worten, bringe irgendwas auf den (leergefegten) Nachkriegs-(oder Nachwende-)Markt, und du wirst es auf jeden Fall los.

Man könnte sagen, der Kunde war das Schaf, es hatte Hunger, man fütterte es, fertig.

Das hat super funktioniert – so lang bis die Mammutwiese leer war, also alle Bedürfnisse gestillt.

Auftritt Marketing. Die Mechanik entspricht der einer klassischen Romanze, und sie bedient sich derselben Begriffe: Potenzielle Käufer werden zum „Zielobjekt“, dann werden sie so lange „umworben“, bis man sie „gewonnen“ hat. Damit sie bei einem bleiben, werden sie abwechselnd mit Verunsicherung und Lob gefüttert, und wenn das nicht mehr reicht, denkt man sich neue Bedürfnisse aus, und verspricht deren Erfüllung.

Plötzlich ist der Kunde „die Angebetete“, das Unternehmen „der Kavalier/Märchenprinz“, der es umwirbt, gewinnt, und die Beziehung durch immer neue Impulse am Leben hält.

Das ist erstmal spannend und unterhaltsam, aber auf Dauer ganz schön mühsam. Und es hat den Nachteil, dass selbst die gutgläubigsten Zielobjekte irgendwann merken, dass sich das versprochene Glück irgendwie leer anfühlt, so leer wie ihr Bankkonto. Wenn dann auch der Unterhaltungswert nachlässt, ist Schluss mit der Masche.

Ungefähr da befinden wir uns heute. Es gibt hier und da noch ein paar Mammutjäger, zum Beispiel Waffenhändler oder Drogenbosse. Und das klassische Marketing gibt sich wirklich Mühe, erfindet neue Tools und wildert in angrenzenden Bereichen, wie der Politik, oder dem Arbeitsmarkt. Aber die Zielobjekte langweilen sich und sind unberechenbar geworden.

Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand und glauben nicht mehr alles, was man ihnen erzählt. Vor allem aber können sie sich den Wettlauf mit der Selbstwert-Maschinerie gar nicht mehr leisten.

Zeit für Phase drei: die freiwillige Zusammenarbeit. Kooperation unter Freunden. Vertrauen statt Manipulation oder Co-Abhängigkeit. Eine Beziehung auf Augenhöhe zwischen gleichwertigen Partnern.

Dafür müssen Unternehmen sich nicht länger mit der Zielgruppe, sondern mit sich selbst befassen. Ihre Fehler erkennen und zugeben und sichtbar an ihnen arbeiten. Erhobenen Hauptes zu sich selbst stehen. Nichts vertuschen, nichts verheimlichen, sondern die Fehler der Vergangenheit integrieren und sich bessern. Das klingt moralisch, und das ist es auch, denn anders wird er nicht funktionieren, der Vertrauensaufbau. Denn Kooperation ist nun mal freiwillig, und der Wunsch nach Autonomie seitens beider Partner die Basis für einen respektvollen Umgang miteinander.

Vom Mammut/Schaf über das naive Dummchen zur selbstbestimmten Autorität über das eigene Leben. Die Emanzipation hat stattgefunden, und die Erwartung ist eine neue. Es wird Mut und innere Stärke brauchen, sie zu erfüllen, ständige Weiterentwicklung und die Bereitschaft zur Veränderung. Wer das nicht mag, muss wohl wieder einen Krieg anzetteln.

Wie feiert man Verantwortung?

Ich habe heute eine sehr schräge Perspektive auf die Welt.

Für mich scheint jeder Mist, der grad schiefläuft, an einem Ende einen Mann zu haben, der ein Kind bleiben will.

BESONDERS die, die dafür bezahlt werden.

Das klingt dann so: „Ich will aber Glyphosat in Deutschland haben. Das hab ich meinen Kumpels versprochen.“ – „Das geht aber nicht, du bist gewählter Politiker, du musst die Interessen der Wähler vertreten und dich ans Gesetz halten.“ – „ich will aber nicht!“ – „Du musst.“ – „Aber das finde ich doof.“ – „Trotzdem.“ – „Ach Männo.“ – „-“ (später, allein) „Na das wollen wir doch mal sehen.“ (noch später) „Ich war’s nicht, der war’s! Die anderen machen es auch! Wär eh nicht gegangen!“ (springt mit geballten Fäusten auf und ab, beschwert sich bei Mami (=seinem Anwalt), schimpft über die Ungerechtigkeit der Welt).

Als wär unser ganzes Handeln hier auf der Welt in Wahrheit ein Wettstreit (von größtenteils Männern), wer länger ein kleiner Junge bleiben darf, und damit durchkommt. Jeder Sieg ein Punkt, wild bejubelt von den anderen.

All das, was wir an Männern traditionell bewundert haben, ist im Grunde ein gedankenloses Voranpreschen in kindlicher Freude. Extreme Macht und extremer Reichtum sind das Ergebnis sportlichen Ehrgeizes, ein Spiel. Kriege: sie sind verantwortungslos, machen aber Spaß wie wahr gewordene Ballerspiele.

Aber Drachentöten und im Blut baden kann man sich nicht mehr erlauben, wenn es sich um aussterbende Arten handelt, und sie keine Bedrohung für Dornröschen darstellen. „Och Mann!! Es macht aber doch so viel Spaaaaß! Bitteeeee! Ich will aber!!!“

So lang wir das belohnen und bewundern, oder belächeln und verharmlosen, werden aus kleinen Jungs nur große Jungs. Sie werden nicht erwachsen, nur immer besser darin, es zu verschleiern.

Und ja, das war ein Wortspiel.

Verantwortung ist lahm, langweilig und das Zeichen, dass man sich (von einer Frau) hat erwischen lassen. Man ist ein bisschen der Loser, spielt nicht mehr bei den coolen Jungs mit, ist ein Spielverderber.

Wenn wir Frauen also wollen, dass sich das ändert, müssen wir aufhören, es zu belohnen, zu bewundern, zu ermutigen. Wir müssen selbst Verantwortung übernehmen, statt uns Versorger, Beschützer und Platzhirsche zu suchen. Wacht auf Mädels! Das Millionärsmodell ist vom Tisch. Prinzessinnen sind magersüchtig und sterben in Limousinen mit überhöhter Geschwindigkeit. Trophy Wife ist ein Scheißjob.

Und wenn wir einen Mann wollen: Suchen wir uns die, die Verantwortung übernehmen, und verwechseln wir ihre Zuwendung, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit nicht mit Schwäche oder fehlender Coolness.

Zeigen wir unseren Söhnen und Töchtern die Lächerlichkeit von Mittdreißigern, die mit quietschenden Reifen und brüllend lauter Musik im Tuning-Japaner vorfahren und das ganz ernst meinen: „Der spielt noch mit Autos. Sie sind nur größer geworden“. (oder auch „Sie spielt Prinzessin. Nur mit echtem Geld.“)

Ziehen wir zur Verantwortung und werden darin ein Vorbild.

Nur so wird es Stück für Stück selbstverständlich, verantwortungsvoll zu handeln, und wir kommen endlich weg vom Feiern der Verantwortungslosigkeit.